Mittwoch, 15. April 2015

Nach dem Idyll: die Krise. Die seltsamen Ausfälle des Möchtegernsultans Erdogan oder Regensburg 2.0

 Stefano Magni in La Nuova Bussola Quotidiana :         klicken

" GENOZID AN DEN ARMENIERN "DER PAPST WILL DIE VERSÖHNUNG UND ALS ERSTES WÜRDE DAVON DAS TÜRKISCHE VOLK  PROFITIEREN"

Nach dem Idyll - die Krise.: nur 4 Monate nach dem Besuch von Papst Franziskus in der Türkei, hat am 12. April die Regierung in Ankara den Nuntius, Antonio Lucibello, einbestellt, um ihre Enttäuschug auszudrücken und den Protest der Exekutive zur Erklärunrg des Papstes zum Völkermord an den Armeniern auszudrücken.
Danach hat Ankara den eigenen Botschafter beim Hl. Stuhl zurückbeordert.
Am nächsten Tag folgten viele andere charakteristische Wortmeldungen von politischen und religiösen türkischen Autoritäten.
Angefangen mit dem Minister für die Beziehungen zur EU, Volkan Bozkir,  nach dessen Meinung Franziskus so gesprochen habe, "weil er aus Argentinien komme, einem Land, das die Nazis empfangen habe und in dem Armenier die Medien und die Wirtschaft dominieren." Bis zum Großmufti  Mehmet Gormez, der höchsten sunnitischen Autorität in der Türkei, nach dem die Erklärung zum Völkermord an den Armeniern "Ohne Fundament" sei und von der "politischen Lobby inspiriert und aus PR-Gründen ausgesprochen".

Eine unvorhergesehene diplomatische Krise, ein Blitz aus heiterem Himmel, der der Begrüßung der armenischen Gäste vor der Hl. Messe folgte. Weil der Pontifex den Genozid als Genozid  definierte, d.h. nicht gemäßigte dipolmatiscne Töne anschlug, um über die totale physische Vernichtung des armenischen Volkes im Osmanischen Reich vor 100 Jahren zu sprechen. Von diesem Gesichtspunkt aus war das eine starke Stellungnahme, viel dezidierter als die der italienischen Regierung, um mal ein Beispiel zu nennen : so sagte der Untersekretär des italienischen Ratspräsidenten, Sandro Gozi, über den Völkermord, daß der "keine absolute historische Wahrheit sei....."

Ebenfalls überrascht von den Worten des Papstes -diesesmal positiv- waren die Armenier in Italien. Der Honorarkonsul Armeniens, Pietro Kuciukian, sagte uns-La  Nuova Bussola Quotidiana- am Telefon: "wir haben etwas Ähnliches erwartet, aber nicht eine so starke  und entschiedene Stellungnahme des Papstes."

"Herr Honorarkonsul, haben Sie eine so starke diplomatische Reaktion der Türkei erwartet?"
"Nein, und meiner Meinung nach ist das auch ein schwerer protokollarischer Fehler- der Rückruf des Botschafters. Der Papst hat nicht in seiner Eigenschaft als Staatsoberhaupt des Vatican-Staates gesprochen, sondern in der Kirche. Die Türkei hätte sich an den religiösen Aspekt dieser Erklärung halten müssen. Aber sicher muß man sich über diesen Protest nicht wundern, die Türken protestieren seit 100 Jahren."


"Schon Johannes Paul II hat vom Genozid an den Armeniern gesprochen. Wie hat Ankara damals reagiert?"
"Damals, vor 15 Jahren, hat die türkische Regierung ein Komuniqué herausgegeben, in dem das Alter des Papstes herausgestellt wurde, und nur um Weniges seine mangelnde Urteilsfähigkeit aus Gründen einer Arteriosklerose vermieden. Damals haben sie das Gewicht auf die persönliche Diskreditierung gelegt."

"Könnte es jetzt zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen kommen?"
"Sicher nicht, auch weil Papst Franziskus Versöhnung, Gerechtigkeit und Wahrheit will. Erster Nutznießer der Worte des Pontifex ist die Zivilgesellschaft der Türkei, die sich endlich ausdrücken und über ihre Vergangenheit sprechen und sie diskutieren dürfte. Wenn die Regierung anerkennt, was vor 100 Jahren passiert ist, wäre das ein Wert für die Türkei. Das Ziel des Papstes ist dieses: die Versöhnung."

"Recep Tayyip Erdogan hatte gegenüber dem Nationalismus seiner Vorgänger Diskonituität versprochen.  Wie erklärt sich dann aber eine so harte nationalistische Reaktion?"
"Im Juni sind Wahlen und die Werte der (nationalistischen) Republikanischen Partei steigen sehr in den Umfragen. Erdogan, Islamist, Neo-Osmane,  versucht sie einzuholen, indem er sich einer besonders nationalistischen Rhetorik bedient. Sollte Erdogan gewinnen, wird er -meiner Meinung nach- weitere Schritte zur Anerkennung der türkischen Vergangenheit unternehmen. Weil ich mehr an die Politik Erdogans glaube, die nicht die seiner kemalistischen Vorgänger ist, der direkten Erben jener Jungtürken, die den Völkermord begangen haben. Aus ihren Reihen stammten 4 Minister und ein Präsident der Republik, die dem "Komitee für Einheit und Fortschritt" der Jungtürken angehörten."

"Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkischen Republik, wieviel Verantwortung trägt er für den Genozid?"
"Seine größte Verantwortung liegt in der Periode, die dem I. Weltkrieg folgt. 1919 wurden den Verantwortlichen für den Völkermord von der türkischen Justiz der Prozess gemacht und die beiden Spezialgesetze, die ihn ermöglicht hatten, widerrufen: jenes, das die Vertreibung der Armenier von ihrem Boden und jenes, das die Konfiszierung ihrer Besitztümer vorschrieb.
Als Kemal Atatürk 1923 die Macht ergriff, wurde das Zweite ( Konfiszierung der Güter) ein weiteres mal in Kraft gesetzt. Danach wurden die Armenier, die nach dem Krieg in ihre Häuser zurückgekehrt waren, erneut vertrieben."

"Von diesem eminent historischem Gesichtspunkt aus : wie können die türkischen Autoritäten aus der Distanz eines Jahrhunderts die Existenz der Vernichtung von fast 1,5 Millionen Menschen verleugnen?"
"Sie leugnen heute die Massaker nicht. Sie sind eher vom Terminsu "Genozid" besessen, weil das ein Verbrechen  ist, das keine Verjährung kennt. Es gibt also die Möglichkeit, daß sie Wiedergutmachung bezahlen müßten. Das ist eines der Hauptmotive. Wie Taner Akcam, ein türkischer Historiker, betont, "begründet sich die Republik auf dem Genozid der Armenier", sei es aus ideologischer oder ökonomischer Sicht, weil vor einem Jahrhundert alle Besitztümer der Armenier geraubt wurden. Und wir sprechen von einer großen Gemeinschaft, die seit 3000 Jahren in der Türkei verwurzelt war: stellen wir uns vor, was sie vielleicht besessen haben.
Auf historischem Gebiet ist die Diskussion offener geworden, aber auf juristischem Gebiet darf man nicht mehr von Genozid sprechen. Auch wenn man -objektiv gesehen-keinen anderen Ausdruck dafür verwenden kann. 
Außer den Menschen sind auch alle Spuren der armenischen Kultur vernichtet worden: Kirchen, Dörfer. Städte, Schulen, Krankenhäuser- dem Erdboden gleichgemacht, alle Namen wurden geändert, nicht nur die der Städte sondern auch der Berge, der Landschaften, der Pflanzen und Tiere armenischen Ursprungs. Die Absicht war klar: Armenien komplett auszulöschen, auch aus dem Gedächtnis. Zur Zeit erkennen mehr als 20 Nationen es an und früher oder später wird es Allgemeinwissen sein."

"Ist eine Versöhnung möglich?"
"Ja. Auch, weil die Armenier keinerlei Groll gegenüber den Türken zeigen. Es gibt keinerlei "Turkophobie". Wir wollen die volle Versöhnung. Meine Familie ist von einem mutigen Türken gerettet worden. Ich schreibe ein Buch über " Die Gerechten der Türkei", über alle, die uns zur Zeit des Völkermordes geholfen haben. Ich möchte, daß sie stolz sind auf ihre Geschichte. Weil es Leute gibt, die ihre Vergangenheit auslöschen möchten (und Plätze und Denkmäler, die ihnen gewidmet sind, werden heute zerstört) aber es gibt auch andere, die versucchen, so viel wie möglich zu retten. Ich möchte, daß die Türken beginnen, stolz auf diesen Teil ihrer Geschichte zu sein. Dieselben, die damals 1915 sagten: "Das was euch hier passiert, ist nicht unser Werk und hat nichts mit Religion zu tun. Es ist das Werk eines modernistischen, atheistischen, fanatischen, nationalistischen Regimes."
Quelle: La Nuova Bussola Quotidiana, Stefan Magni

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